Wie die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern den Ausbau nachhaltiger Biomasseanlagen fördern kann
- Christoph Bürger
- 1. Juli 2025
- 5 Min. Lesezeit

Finanzierungsherausforderungen
Bankensektorprobleme
Die Finanzierung von Biogasprojekten ist zu einem kritischen Engpass geworden. Die Banken in der Ukraine haben die Finanzierung von Biogasanlagen weitgehend eingestellt[1]. Als Basisfrage und Hauptproblem bei der Heranziehung von Bankkrediten durch Agrarunternehmen in der Ukraine gilt der Bedarf an ausreichenden Sicherheiten und die hohe Risikoeinschätzung[2]. Der Investitionsbedarf für den Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 wird auf 13,6 bis 18,8 Milliarden Euro geschätzt[3][4].
Kapitalknappheit und Investitionsrisiken
Es gibt kaum Projekte, die sich derzeit auszahlen, da Investitionen in der Ukraine eher eine soziale und humanitäre als eine Investitionsfrage darstellen[5]. Die durchschnittliche Kreditlaufzeit liegt bei nur 1-5 Jahren, was für langfristige Biogasprojekte völlig unzureichend ist[6]. Das Länderrisiko wird als hoch eingestuft, mit einem Korruptionsindex-Score von nur 36 von 100 möglichen Punkten[6].
Staatliche Zahlungsfähigkeit und Vertrauensverlust
Ein besonders kritisches Problem ist das zerrüttete Vertrauen zwischen Investoren und der ukrainischen Regierung[5]. 2019 kürzte die Regierung den "Grüntarif" für erneuerbare Energien rückwirkend um 40 Prozent, nachdem ihr die Mittel fehlten[5]. Wir haben Investoren, die sehr zögern, mit dem staatlichen Abnehmer zusammenzuarbeiten, und internationale Finanzinstitutionen, die ebenfalls unglücklich darüber sind, Kredite an Unternehmen zu vergeben, an denen der staatliche Abnehmer beteiligt ist[5].
Regulatorische und rechtliche Hürden
Komplexe Zertifizierungsanforderungen
Sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland bestehen aktuell regulatorische Hürden für einen florierenden Biomethan-Markt[7]. Die Biomethanhersteller müssen ein Audit ihrer Produktionsanlagen durchlaufen, wobei sich der Auditor am Biotreibstoff-Zertifizierungssystem der Europäischen Union orientieren soll[1]. Mit der EU-Erneuerbaren-Richtlinie (RED III) werden die Vorgaben zur Treibhausgasminderung nochmals erhöht[7].
Exportbeschränkungen und bilaterale Abkommen
Obwohl die Ukraine im März 2024 ein Gesetz zur Aufhebung der Exportbeschränkungen für Biomethan verabschiedete[8][9], fehlen noch wichtige bilaterale Abkommen. Es gilt, ein Abkommen mit der Ukraine zur Anerkennung von Herkunftsnachweisen zu schließen, damit die hierzulande etablierten hohen Nachhaltigkeitskriterien auch in der Ukraine angewendet werden können[10][8].
Rechtsunsicherheit und Marktbarrieren
In der Ukraine muss vor allem das aktuelle Gasexport-Moratorium angepasst werden[10][11]. Aktuell sind die Erdgaspreise in der Ukraine niedrig und teureres Biomethan ist daher nicht konkurrenzfähig, zudem gibt es zurzeit keine Form von Einspeisevergütung[7]. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Regulierung hat aufgrund der Komplexität und diverser Inlandsvorbehalte zu einer Marktabschottung geführt[7].
Kriegsbedingte Infrastrukturprobleme
Energieinfrastruktur unter Beschuss
Die russischen Angriffe haben das ukrainische Energiesystem schwer beschädigt. Mehr als 1.000 Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur haben seit Kriegsbeginn stattgefunden[12]. Das Land verlor dabei etwa 50 Prozent seiner Kapazitäten zur Stromgewinnung[12]. Bis Juni 2023 beliefen sich die direkten Verluste für die Infrastruktur des ukrainischen Energiesektors nach vorläufigen Schätzungen auf 8,8 Milliarden Euro[13].
Transportinfrastruktur und Pipelinekapazitäten
Die bestehende Gastransportinfrastruktur bietet zwar Potenzial - das ukrainische Gastransportsystem kann 1.606 TWh Gas transportieren und bietet durch den Rückgang des russischen Transits freie Kapazitäten[7][14]. Jedoch sind die Pipelines kriegsbedingt gefährdet und ihre langfristige Verfügbarkeit ungewiss[15].
Personalprobleme und Fachkräftemangel
Massive Abwanderung von Arbeitskräften
In der Ukraine herrscht infolge des Krieges ein zunehmender Arbeitskräftemangel. Die Zahl der Arbeitskräfte im Land ist von 2021 auf 2022 von 17,4 auf 14,6 Millionen Menschen um fast drei Millionen gesunken[16]. Zum einen sind zahlreiche Arbeitskräfte, mehrheitlich Frauen, nach Westen geflohen und befinden sich auch zweieinhalb Jahre nach Kriegsbeginn weiter im Ausland[16].
Mobilisierung und Fachkräfteverlust
Zusätzlich müssen viele Männer Militärdienst leisten oder jederzeit damit rechnen, zur Armee eingezogen zu werden, wenn sie im Alter von 25 bis 60 Jahren sind[16]. Der Fachkräftemangel sei zu einem Risikofaktor für die Erholung der Wirtschaft in der Ukraine geworden[16]. Um den Status eines Unternehmens zu erhalten, das für das Funktionieren der Wirtschaft von entscheidender Bedeutung ist, müsse das Unternehmen mindestens drei von acht strengen Kriterien erfüllen[16].
Technologische und Wartungsherausforderungen
Ersatzteilversorgung und Wartung
Die Wartung und Instandhaltung von Biogasanlagen wird durch Kriegsbedingungen und Lieferkettenunterbrechungen erheblich erschwert[17][12]. Gezielte Angriffe auf die Infrastruktur und Strommangel stellen große Herausforderungen bei der Versorgung der Bevölkerung dar[17]. Die Ukraine muss daher ihre Energieversorgung dezentralisieren und resiliente Lösungen entwickeln[17].
Technologische Standards und Harmonisierung
Die Integration ukrainischer Biomethanproduktion in europäische Standards erfordert umfangreiche technologische Anpassungen[18][1]. Die Einspeisung von Biomethan in das Erdgasleitungsnetz wird durch eine Verordnung der Regulierungsbehörde NERC geregelt, die einen Sauerstoffanteil von 0,2 Prozent für die Zuführung in das Gastransportsystem und von 1 Prozent im Gasverteilsystem erlaubt[1].
Rohstoffverfügbarkeit und Logistik
Landwirtschaftliche Produktionsrisiken
Obwohl die Ukraine über etwa vier Millionen Hektar kontaminierte, unproduktive und degradierte Flächen verfügt, die potenziell für den Anbau von Energiepflanzen genutzt werden können[7][19], ist die Rohstoffversorgung kriegsbedingt unsicher. Die Ukraine produziert jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen Strohressourcen, von denen etwa die Hälfte derzeit ungenutzt auf den Feldern verbrannt wird[7].
Logistische Herausforderungen
Die Sammlung, Transport und Lagerung von Biomasse-Rohstoffen ist durch kriegsbedingte Einschränkungen und Infrastrukturschäden kompliziert geworden[13][12]. Die regionale Verteilung der Potenziale - die Regionen Winnyzja, Kiew, Tscherkassy, Poltawa und Dnipropetrowsk verfügen über Jahreskapazitäten von jeweils über 500 Millionen Kubikmetern - erfordert effiziente logistische Netzwerke[7].
Marktentwicklung und Konkurrenzfähigkeit
Preisstrukturen und Rentabilität
Während Erdgas in Europa etwa 500 Euro pro 1.000 Kubikmeter kostet, liegt der Durchschnittspreis von Biomethan bei 900 Euro pro 1.000 Kubikmeter[7]. Allerdings bleibt der Export derzeit die einzige profitable Option, da in der Ukraine Biomethan zum Preis von konventionellem Gas verkauft wird[7]. Mit einem durchschnittlichen Exportpreis von 0,9 Euro pro Kubikmeter könnte Biomethan etwa 20 Milliarden Euro jährlich einbringen[7].
Internationale Konkurrenz
Die Ukraine strebt an, 10-20% des EU-Biomethanmarktes einzunehmen[9][20]. Europa hat ehrgeizige Pläne für die Produktion und den Verbrauch von Biomethan, mit einem Ziel von etwa 35 Milliarden Kubikmetern bis 2030 und 100 Milliarden Kubikmetern bis 2050[20]. Allerdings wird die europäische Produktion derzeit auf nur drei Milliarden Kubikmeter jährlich geschätzt[20].
Fazit
Die Implementierung größerer Bioenergieprojekte in der Ukraine steht vor einer komplexen Gemengelage aus strukturellen, kriegsbedingten und regulatorischen Herausforderungen. Während das technische Potenzial mit bis zu 220 TWh für die Biomethan-Produktion[14] enorm ist, erfordern die Finanzierungsprobleme, der Vertrauensverlust bei Investoren, die kriegsbedingten Infrastrukturschäden und der massive Fachkräftemangel innovative Lösungsansätze. Die Überwindung dieser Hindernisse wird entscheidend dafür sein, ob die Ukraine ihr Potenzial als bedeutender Biomethan-Exporteur realisieren und gleichzeitig zur eigenen Energieautarkie beitragen kann.
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1. https://www.gtai.de/de/trade/ukraine/branchen/biomethan-als-neuer-exportschlager-der-ukraine-901000
7. https://gas-h2.de/fileadmin/Public/PDF-Download/policy-paper-de-ukr-biomethan-kooperation-libmod.pdf








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